Ribnitz-Damgarten (OZ) - Nach vermeintlichen Amokdrohungen fand am Freitag am Richard-Wossidlo-Gymnasium in Ribnitz-Damgarten kein Unterricht statt. Ein 15-jähriges Mädchen soll angeblich am Donnerstag zuvor im Internet einen Amoklauf angekündigt haben. Das Gerücht kursierte über Internet und SMS unter den Schülern. Als Eltern davon erfuhren, verständigten sie die Schulleitung. „Eine Mutter aus der siebten Klasse hat uns heute morgen angerufen“, sagt Schulleiterin Sigrid Schermuk. Sie benachrichtigte die Polizei. Die Schule überließ es den Eltern, zu entscheiden, ob sie ihre Kinder zu Hause lassen. Von 410 Schülern des Gymnasiums kamen nur zehn. „Ich kann es nicht verantworten, wenn dann doch etwas passiert“, sagt Schermuk.
Seit einer Woche herrscht an der Schule große Anspannung. Vorigen Freitag, am späten Nachmittag, starb der Schüler Daniel P. (16) aus einer neunten Klasse. Er wurde auf den Gleisen der Regionalbahn in Ribnitz-Damgarten von einem Zug überfahren. War es Suizid, ein Unglücksfall oder fiel der Junge einem Verbrechen zum Opfer? Die Polizei weiß es nicht. „Die Kripo ermittelt noch zur Todesursache“, sagt Sprecher Ingolf Dinse. Die Leiche wurde erst am Donnerstag eindeutig identifiziert.
Die angebliche Amoklauf-Drohung und der Tod des Schülers stehen in einem Zusammenhang. Die Ankündigung soll sich auf eine Trauerfeier bezogen haben, die für gestern an dem Gymnasium geplant war. Unter Schülern kursiert die Geschichte, es sei Daniels ein Jahr jüngere Schwester gewesen, die den Amoklauf angekündigt hätte – um den Tod ihres Bruders zu „rächen“.
Dafür gebe es keinerlei Hinweis, so Sprecher Dinse. „Wir haben alle in Frage kommenden Internet-Portale durchsucht, aber nichts gefunden.“ Das Mädchen, das eine andere Schule besucht, sei befragt worden. Alle Befürchtungen hätten sich nicht bestätigt. „Es gibt keine Ermittlungen gegen das Mädchen“, sagt Dinse.
Zwei Streifenwagen parkten gestern vor der Schule. Man habe Präsenz gezeigt, um auf mögliche Fragen besorgter Eltern antworten zu können, sagt Dinse.
Daniel war anscheinend ein Außenseiter in der Schule. „Der wurde gemobbt“, behauptet eine Mitschülerin. Das habe so gut wie jeder an der Schule gewusst und darüber habe es auch schon Gespräche mit Lehrern gegeben. Der 16-Jährige sei meist sehr still gewesen und habe kaum Kontakt zu anderen gehabt, berichtet eine weitere Mitschülerin. Sein Tod wäre für die meisten ein tiefer Schock gewesen. Die Jugendlichen werden von Schulpsychologen betreut. „Den Jungen hat man draußen nie gesehen“, sagt Elisa Schmidt (75), eine Nachbarin. „Seine Schwester war viel unterwegs, der Junge war immer zu Hause.“
Der 16-Jährige lebte mit Schwester und Mutter in einem Ribnitzer Neubaugebiet in der Danziger Straße. Eine Spätaussiedler-Familie, wie viele hier. Hinweise an den Altpapiercontainern sind zweisprachig, deutsch und russisch. In der überschaubaren Kleinstadt (16 700 Einwohner) wuchern wilde Gerüchte. Eine Frau aus der Stadtverwaltung will gehört haben, andere Jugendliche hätten den Jungen in den Tod getrieben. Es sei ganz klar Selbstmord wegen Mobbing gewesen, sagt jemand anders. „Die Russen“ würden sich jetzt rächen, will ein Dritter aufgeschnappt haben. Die Trauerfeier für Daniel musste gestern ausfallen, weil niemand da war. „Wir müssen schnell wieder zur Normalität zurückfinden“, sagt Schulleiterin Schermuk.
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